Findet Nokia mit dem N900 den Anschluss?
Während meiner intensiven Suche nach einem neuen Handy bin ich unter anderem auf das Nokia N900 aufmerksam geworden. Letztlich habe ich mich für ein anderes Modell entschieden, hatte aber kürzlich die Gelegenheit, das Oberklasse-Modell der Finnen genauer unter die Lupe zu nehmen.
In den ersten Jahren meiner Mobilfunk-Zeit war ich treuer Nokia-Anhänger – überzeugt von der Qualität und zufrieden mit der Bedienung. Nach längerer Nokia-Abstinenz war das N900 ein gänzlich neues Erlebnis für mich.
Vergessen, die alten Zeiten?
Preislich betrachtet verdient das N900 zweifelsohne die Bezeichnung Spitzenmodell: Über 500 Euro ohne Vertrag als günstigstes Angebot – ein stolzer Betrag, bei dem nicht viele Modelle mithalten können. Was aber bekomme ich dafür?
Als Normalanwender konnte ich mir den hohen Preis nicht auf Anhieb erklären. Das Gehäuse macht nicht den besten Eindruck, der Kunststoff fühlt sich leider nicht sehr wertig an. Der Schiebemechanismus macht ebenfalls einen leicht wackeligen Eindruck. Im direkten Vergleich zur Verarbeitung eines iPhones oder auch der meines Milestones muss das N900 hinten anstehen.
Während das iPhone für sein tolles Handling gelobt wird und ich auch mit dem Milestone binnen kürzester Zeit zurecht kam, spielt das Nokia-Modell in einer anderen Liga. Wie ich in anderen Tests schon lesen durfte, kann man beim N900 wahrlich nicht von einer intuitiven Bedienung sprechen. Das Linux-basierte Maemo 5 dient als Betriebssystem und hat mich erst einmal verwirrt. Vielleicht lag es zum Teil an der ungewohnten Ausrichtung des Smartphones, denn abgesehen von der Telefonfunktion erfolgt die Bedienung im Querformat.
Ich muss gestehen, dass mir der Spaß am Testen schnell verging – erst recht, als ich nicht in der Lage war, das W-LAN einzurichten. Das Netzwerk der Nachbarin wurde mir angezeigt, das eigene nicht. Etwas irritiert hatte ich die zündende Idee: Mein Bruder, Informatiker und Linux-Anhänger, würde sicher besser mit dem Gerät zurecht kommen und vielleicht die Vorzüge des Handys erkennen. So überließ ich ihm das N900 für den Intensiv-Test aus der Sicht eines Nerds (was nicht so abwertend gemeint ist, wie es klingt).
Smartphone für Informatiker?
Vielleicht bin ich, was Handys angeht, etwas verwöhnt und hatte immer die richtigen Modelle. Ich habe nie verstanden, wenn jemand über komplizierte Menus und dergleichen klagte und kam mit meinen Handys immer bestens zurecht. Das N900 war wohl eine Ausnahme, denn das Urteil meines Bruders fiel gänzlich anders aus.
“Muss mal schauen, wo ich das jetzt günstig bekomme.” Etwas verwundert war ich über diese Reaktion, als Jens mir das N900 zurück gab. Die paar Tage mit dem Handy hatten ihn offensichtlich überzeugt. Da er selbst noch kein “großes” Smartphone besitzt, führte er dDas klobige Format des N900 als Minuspunkt an, aber in seinen Augen machte das Handy einen robusten Eindruck und lag beim Tippen gut in der Hand. Letzteres bestätige ich an dieser Stelle gern.
Auf Seiten der Software lieferte Jens einleuchtende Argumente. Der für ihn wichtigste Pluspunkt gegenüber seinem Nokia 5800: “imap funktioniert auf dem N900.” Für sein bisheriges Handy hat er ein eigenes E-Mail-Programm erwerben müssen. Die freie Gestaltung mehrere Bildschirme mag für Android-Nutzer ein alter Hut sein, war für ihn allerdings auch ein positives Merkmal. Wünschenswert sei hierbei lediglich ein Raster (“snap to grid”), das für eine saubere Platzierung der Icons sorgen würde. “Für die Ordnungsfanatiker”, wie er es ausdrückte.
Sonstige Defizite fielen für Jens nicht allzu sehr ins Gewicht: keine Kontaktgruppen, keine Klingeltöne pro Kontakt, der etwas schlechtere Klang im Vergleich zum 5800 und kein Multitouch. Sehr gut fand er dafür das App-Angebot, das sicherlich weiter ausgebaut wird. Darüber hinaus sei es für den dauerhaft vernetzten Menschen toll, dass man ICQ in die Kontaktliste integrieren kann.
Die Betitelung als Nerd war nicht ganz falsch, wie ein letztes Beispiel zeigt, das Jens eigenes für diese Menschengruppe erklärt. “Es ist ohne Probleme möglich, einen Computer fernzusteuern und die Fernsteuerung über ssh zu tunneln.” Das sei aber aus Geschwindigkeitsgründen nur über W-LAN zu empfehlen.
Fazit
Es gibt kaum ein Smartphone, das uneingeschränkt zu empfehlen ist. Wer sucht, findet immer Schwachstellen. So ist es auch beim N900. Mein subjektiver Eindruck war nicht so gut wie der meines Bruders. Vielleicht liegt es an seiner Begeisterung für Linux und den Möglichkeiten, die ihm das Smartphone bietet. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich das N900 nicht ganz eigenständig betrachte, sondern iPhone und Motorola Milestone als Referenzen im Hinterkopf habe.
Losgelöst von allen persönlichen Meinungen bleibt die Feststellung, dass das N900 den vollen Funktionsumfang eines modernen Smartphones besitzt. Wenngleich die Bedienung etwas gewöhnungsbedürftig ist, so wird der Nutzer das Gerät schnell genug beherrschen. Ob die Kunden allerdings bereits sein werden, über 500 Euro für ein Smartphone zu zahlen, das weder mehr kann als günstigere Modelle, noch den Kultstatus eines iPhones erlangen wird, wage ich zu bezweifeln. Die breite Masse wird weiterhin auf Modelle zusteuern, die in aller Munde sind. Das N900 zählt für mein Empfinden bisher nicht dazu, aber vielleicht kann Nokia mit künftigen Modellen nachlegen.



[...] das fast alle Funktionen bietet, die man von einem modernen Smartphone erwarten würde. Einen ausführlichen Testbericht überlasse ich an dieser Stelle meinem Bruder. Was mich interessiert: der [...]